Besonders im Herbst und Winter spüren wir die Auswirkungen eines schlappen Immunsystems. Häufige Infekte sind sicherlich das bekannteste und ein besonders unliebsames Anzeichen dafür. Was unser Immunsystem eigentlich macht, wie es funktioniert und warum es schlapp machen kann, darum soll es heute gehen. Im nächsten Teil des Artikels möchte ich dann zeigen, was du selbst für ein gutes Immunsystem tun kannst.
Wofür haben wir ein Immunsystem?
Das Immunsystem ist unser körpereigenes Abwehrsystem zum Schutz vor Viren, Bakterien und Keimen [1]. Die Aufgabe dabei ist es, Dinge aus dem Körper herauszuhalten, die nicht hineingehören. Vorstellen können wir uns das Immunsystem wie die Armee unseres Körpers, die bestimmte Barrieren im Körper bewacht (später dazu mehr) und – ganz allgemein – Keime unschädlich macht, wenn sie diese Barriere überwinden. Bekämpft werden Keime auf der Haut, im Gewebe und in bestimmten Körperflüssigkeiten, wie dem Blut [3].

Eine weitere, nicht minder wichtige Funktion des Immunsystems ist es, als Reinigungstrupp unterwegs zu sein, um tote, alte, beschädigte oder entartete Zellen (z.B. Krebs), zusammen mit dem Lymphsystem, zu beseitigen [2].
Wie funktioniert unser Immunsystem?
Wichtig ist dabei zu unterscheiden, dass wir im Prinzip zwei Arten von Immunsystem haben, das angeborene (unspezifische) und das erworbene (spezifische) Immunsystem [3]. Beide möchte ich mir mit dir jetzt kurz anschauen. Hinweis: Das menschliche Immunsystem ist natürlich komplex. Aus diesem Grund kann ich hier die Funktion nur überblicksartig darstellen mit dem Ziel, dir ein gutes grundlegendes Verständnis zu vermitteln. Keine Angst, dazu musst du nicht über medizinisches Grundwissen verfügen.
Das angeborene Immunsystem
Das angeborene Immunsystem ist tatsächlich, wie der Name vermuten lässt, angeboren. Es reagiert als erstes und praktisch gleich auf alle Krankheitserreger. Aus diesem Grund wird es auch als „unspezifisches“ Immunsystem bezeichnet. Es reagiert meistens sehr schnell und kann beispielsweise dafür sorgen, dass Bakterien in einer kleinen Hautwunde, innerhalb weniger Stunden unschädlich gemacht werden (= Entzündung). Diese Entzündungsprozesse tragen zur Heilung eines Infekts oder einer Wunde bei [2]. Wir erkennen sie daran, dass bestimmte Bereiche des Körpers rot, heiß, schmerzhaft und geschwollen sind [2].

Diese akute Entzündung können wir mit dem ersten „Aufräumen“ nach einem Unfall auf der Straße vergleichen. Für diese Aufgabe kommen Arbeiter mit Lichtern, Absperrband und Abschleppwagen an die Unfallstelle, was natürlich den Verkehr behindert. Ist die Unfallstelle aber erst einmal aufgeräumt, kann alles normal weiterlaufen [2]. Eine akute(!) Entzündung in unserem Körper – wie bei einer Verletzung – ist damit vergleichbar und fördert die Heilung und die Reparatur von Geweben.
Verhindert das Eindringen von Keimen
Das angeborene Immunsystem wirkt an Haut- und Schleimhäuten bspw. in der Nase oder der Lunge und verhindert dort das Eindringen von Krankheitserregern. Zusätzlich blockieren chemische Stoffe die Anlagerung von Viren und Bakterien durch die Bildung von Säuren, Enzymen oder Schleim (z. B. laufende Nase). Die Bewegung von Flimmerhärchen in den Bronchien (Husten) und die Bewegungen der Darmmuskulatur (also Durchfall) verhindern zusätzlich, dass sich Keime festsetzen können. Tränenflüssigkeit, Schweiß und Urin ergänzen die Wirkung des angeborenen Immunsystems als erster Rundumschlag gegen Fremdkörper, Verletzungen und Keime. Die Schwäche des angeborenen Immunsystems ist, dass es nur begrenzt in der Lage ist, die Ausbreitung von Keimen zu verhindern [3,2].

Abwehrzellen (Fresszellen, Phagozyten – sie gehören zu den weißen Blutkörperchen, den Leukozyten, s. Abbildung) und spezielle Eiweiße treten in Aktion, wenn Keime doch die (Schleim-)Hautbarriere überwunden haben sollten [3]. Diese Fresszellen finden wir an allen „Eingängen“ des Körpers, z. B. den Mandeln, der Leber, im Darm und der Lunge [2]. Andere Abwehrzellen wiederum bilden Stoffe, die Erreger abtöten. Deren Reste und die der Abwehrzellen selbst, bilden eine gelbliche Flüssigkeit (Eiter), den wir von Wunden kennen. So genannte Killerzellen sind darauf spezialisiert, veränderte Zelloberflächen (virusinfizierte Zellen oder tumorartig veränderte Körperzellen) zu erkennen und diese durch Zellgifte (Zytotoxine) aufzulösen [3].
Fieber, das sich bei einem Infekt manchmal entwickelt, fördert unter anderem die Weitung der Gefäße, so dass mehr Abwehrzellen an den Infektionsherd gelangen können [3]. Auch wenn es für uns oft unerwünscht ist, trägt Fieber damit maßgeblich zur Bekämpfung eines Infekts bei [4].
Das erworbene Immunsystem
Im Gegensatz zum angeborenen Immunsystem, dem „Allrounder“, ist das erworbene Immunsystem der „Spezialist“. Das erworbene Immunsystem wird im Verlauf unseres Lebens darauf trainiert, gezielt gegen Erreger vorzugehen, die bestimmte Infektionen verursachen. Weil es jeden dieser Erreger erkennen muss, um gezielt zu reagieren, dauert die Reaktion des erworbenen Immunsystems länger.

Über die Jahre unseres Lebens erarbeitet sich unser erworbenes Immunsystem also sein „Gedächtnis“ von Erregern, mit denen es schon einmal zu tun hatte. Aus diesem Grund bekommen wir manche Krankheiten nur ein Mal im Leben und sind danach immun [3]. Manchmal erkranken wir jedoch auch ein zweites Mal. Dieser Verlauf ist aber oft deutlich leichter, vielleicht sogar auch unbemerkt, denn das Immunsystem hat sich den „Bösewicht“ bereits gemerkt und gezielt darauf reagiert.
Verpasste Lerngelegenheit für unser Immunsystem?
Für diesen Lernprozess unseres Immunsystems ist es enorm wichtig, dass wir im Verlauf unseres Lebens verschiedene Infekte durchlaufen. Diese Infekte und auch das Fieber beim ersten Anzeichen regelmäßig mit fiebersenkenden Mitteln, Antibiotika oder anderen Medikamenten abzublocken, sorgt dafür, dass die Immunantwort unterdrückt wird. Das die Dauer einer Erkrankung verlängern und dafür sorgen, dass das Immunsystem bei folgenden Infekten nicht angemessen reagieren kann. Darüber hinaus werden notwendige „Reinigungsprozesse“ unterdrückt, mit denen das Immunsystem Erreger oder deren Reste vernichten und entsorgen möchte. Dies kann dazu führen, dass bestimmte Erkrankungen chronisch werden (z. B. Sinusitis) oder Viren sich sogar weiter im Körper verbreiten [2,4]. Obwohl wir uns mit diesen Medikamenten besser fühlen, ist deren Einsatz häufig überhaupt nicht hilfreich. Vielmehr sorgen sie zusätzlich dafür, dass wir uns nicht schonen, was unser Körper für die Bekämpfung des Infekts, die Heilung und Regeneration eigentlich dringend benötigen würde [4].

Nur um das einmal klarzustellen: Wir reden hier natürlich nicht von lebensbedrohlichen Infekten mit hohem Fieber, weder bei Kindern noch Erwachsenen. Aber der Trend, selbst leichte Infekte sofort mit Schmerzmitteln oder Antibiotika zu bekämpfen, ist meistens weder hilfreich für den Lernprozess des Immunsystems noch die Heilung des Infekts selbst. Darüber hinaus wirken Antibiotika nur bei bakteriellen Infekten, zahlreiche grippale Infekte sind aber durch Viren hervorgerufen.
Einflussfaktoren auf unsere Immunfunktion
Wie gut unser Immunsystem arbeiten kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sie beeinflussen, ob der Kontakt mit Viren oder Bakterien zu einer Erkrankung führt oder diese häufig erfolgreich abgewehrt werden kann. Das heißt natürlich nicht, dass wir nie krank werden, wenn wir ein gesundes Immunsystem haben. Zwei bis drei Erkältungen im Jahr sind für einen Erwachsenen normal, meistens im Zeitraum zwischen September und Mai. Kinder werden in der Regel häufiger krank, auch, weil ihr Immunsystem noch lernen muss [13]. Schließlich gibt es etwa 200 verschiedene Viren für Erkältungskrankheiten [13].
Einflussfaktoren sind beispielsweise:
- Mikrobiom: Die Gesundheit der Darmflora ist ein entscheidender Faktor für die Effektivität des Immunsystems, denn etwa 70% des Immunsystems haben dort ihren „Sitz“ [5]. Das lässt auch erahnen, warum die verbreitete Einnahme von Antibiotika so problematisch für unser Immunsystem ist. Antibiotika wirken gegen Bakterien und unser Mikrobiom besteht – ….Überraschung: aus Bakterien (überwiegend).
- langfristiger Stress: Er reduziert die Fähigkeit des Körpers, Infekte abzuwehren [5]
- Schlaf: Schlafmangel hat einen ähnlichen Effekt auf unser Immunsystem, wie Dauerstress. Er unterdrückt die Produktion der weißen Blutkörperchen (Lymphozyten), die wichtig für die Infektabwehr sind [6].
- Ernährung & Nährstoffe: Sie liefern die Bausteine für unser Immunsystem. Damit entscheiden unsere Ernährung und die Versorgung mit Nährstoffen auch darüber, ob das Immunsystem optimal funktionieren kann oder provisorisch agieren muss.

- Alkohol & Rauchen: Beide schwächen das Immunsystem und verhindern damit eine effektive Reaktion auf Keime [7].
- Training & Bewegung: Langfristige Bewegung und Training sind hilfreich für ein optimal funktionierendes Immunsystem und können dazu beitragen, Infekte besser abzuwehren [8].
- Autoimmunerkrankungen: Sie sind ein Gruppe von Erkrankungen, bei denen das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Zellen als „fremd“ einstuft und unschädlich machen will. Bei Hashimoto betrifft das z. B. die Zellen der Schilddrüse, bei Diabetes Typ 1 die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Autoimmunerkrankungen können eine angemessen Reaktion des Immunsystems auf Keime erschweren.
- Allergien: Sie sind ein Zeichen eines überaktiven Immunsystems und machen das Auftreten bestimmter Infekte wahrscheinlicher, weil sie für dauerhafte Entzündungsreaktionen im Körper sorgen können, wenn sie nicht behandelt werden [11,12].
- Alter: Mit zunehmendem Alter arbeitet das Immunsystem weniger gut und macht Infekte oder auch schwerere Verläufe von Erkrankungen wahrscheinlicher. In der Medizin wird das „Immunoseneszenz“ genannt, frei übersetzt mit „altersbedingtem Verfall des Immunsystems“ (klingt toll, oder?) [8].
- Chemotherapie: Eine Krebsbehandlung mittels Chemotherapie kann die Immunfunktion verschlechtern, weil sie die Anzahl der Immunzellen reduziert, die Infekte abwehren [9].
Im Winter spielen darüber hinaus noch weitere Faktoren eine Rolle: die räumliche Nähe zu anderen Menschen, weil wir mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringen. Schon allein diese dauerhafte Nähe macht eine Ansteckung wahrscheinlicher. Aber auch trockene Heizungsluft, die unsere Schleimhäute (z. B. in der Nase) austrocknet, verringert deren Schutzwirkung, so dass Keime leichter eindringen können [10].
Warum macht das Immunsystem schlapp?
Ich denke, spätestens an dieser Stelle ist dir klar, dass die Optimierung unserer Immunfunktion nicht super simpel sein kann, frei nach dem Rezept „nimm Wirkstoff A, B oder C“ und schon wirst du nicht mehr dauernd krank. Zahlreiche Faktoren in unserem Alltag, der Umwelt und unserem Körper können miteinander interagieren und die Immunfunktion unterstützen oder eben auch torpedieren. Wir haben also zahlreiche Zahnräder, die ineinandergreifen können oder müssen. Das hat sicherlich Vor- und Nachteile, aber einfach macht es das Unterfangen „Immunsystem stärken“ wohl eher nicht.

Dennoch möchte ich dir im Teil 2 dieser kleinen Serie (nach diesem Abschnitt verlinkt) ein paar effektive Tipps an die Hand geben, wie du deine Immunfunktion verbessern und unterstützen kannst. Bis dahin, bleib erst einmal schön gesund! 🙂
Quellen & Ressourcen:
- [1] https://www.vitamindoctor.com/gesund-werden/immunsystem-allergien/grippaler-infekterkaeltung
- [2] Waller, Pip (2018): Deeply Holistic. A Guide to intuitive Selfcare. North Atlantic Books.
- [3] https://www.gesundheitsinformation.de/das-angeborene-und-das-erworbene-immunsystem.html
- [4] https://theconversation.com/why-taking-fever-reducing-meds-and-drinking-fluids-may-not-be-the-best-way-to-treat-flu-and-fever-173134
- [5] https://www.pennmedicine.org/updates/blogs/health-and-wellness/2020/march/weakened-immune-system
- [6] https://www.medicalnewstoday.com/articles/324930#tips-to-stay-healthy
- [7] https://health.ucdavis.edu/blog/cultivating-health/5-things-that-can-weaken-your-immune-system/2022/11
- [8] https://www.frontiersin.org/journals/physiology/articles/10.3389/fphys.2021.751374/full
- [9] https://www.cdc.gov/cancer-preventing-infections/patients/index.html
- [10] https://www.hubermanlab.com/episode/how-to-prevent-treat-colds-flu
- [11] https://www.hcahoustonhealthcare.com/healthy-living/blog/allergies-and-immune-system-function-are-they-connected-
- [12] https://www.hcahoustonhealthcare.com/healthy-living/blog/allergies-and-immune-system-function-are-they-connected-
- [13] https://www.lung.org/lung-health-diseases/lung-disease-lookup/facts-about-the-common-cold
Hallo Magdalena, sehr interessant. Ich freue mich schon suf den 2. Teil.
Oh danke für das schnelle und liebe Feedback! 🙂
Jetzt ist der zweite Teil endlich online! 😉