Wie das Zeitkonzept den sportlichen Erfolg von Athleten beeinflusst.

Jeder Mensch hat individuelle Gewohnheiten und Erfahrungen, die den Umgang mit Zeit – die Gewichtung von Erlebnissen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – beeinflussen. Diese so genannten individuellen „Zeitkonzepte“ beeinflussen Verhalten, Entscheidungen und das Ausmaß an Erfolg, nicht nur bei professionellen Athleten.

Die Bedeutung der Zeitwahrnehmung zu kennen, hilft Athleten, Trainern und auch Eltern, Tendenzen schnell zu erkennen und eine erfolgreiche Entwicklung zu unterstützen.

Philip G. Zimbardo[1], einer der bekanntesten Wissenschaftler im Bereich der Psychologie und jedem Psychologiestudenten als Autor zahlreicher Lehrbücher bekannt, ist emeritierter Professor der Universität in Stanfort. Eines seiner Forschungsthemen ist der Einfluss von Zeitkonzepten auf das Leben von Menschen[2+3].

In meiner Arbeit mit Athleten unterschiedlicher Herkunft und in verschiedenen Regionen der Welt wurde es für mich offensichtlich, dass deren Entwicklung und professionelle Karriere zu einem großen Anteil vom individuellen Zeitkonzept beeinflusst wird. Dies war für mich der Anlass, die Arbeit von Philip Zimbardo[4] mit der Realität im Profisport zu verknüpfen.

Priorität von Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft

Wenn wir uns anschauen, wie stark Athleten ihren Fokus auf Erfahrungen in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft legen, ist es außerdem wichtig zu unterscheiden, ob es positive oder negative Erfahrungen bzw. Überzeugungen sind, die ihr Verhalten prägen.

Im Folgenden möchte ich mich vor allem auf die Konsequenzen der verschiedenen Zeitkonzepte allgemein und im Speziellen für Athleten konzentrieren.

Schwerpunkt Vergangenheit

Der Fokus auf die Vergangenheit gibt Menschen Wurzeln. Sie verbinden mit Familie und Herkunft und liefern eine stabile Basis für die eigene Identität. Liegt der Fokus auf negativen Ereignissen, bremst dies die Offenheit für neue Erfahrungen, denn die Erwartung, dass etwas schief gehen kann, ist sehr dominant.

Für Athleten sind positive Erfahrungen in der Vergangenheit eine wichtige Quelle für Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Zu wissen, dass man in schwierigen Situationen, wie einem Wettkampf, auch schon früher in der Lage war, sein Potenzial abzurufen, schafft Vertrauen in sich selbst. Das wiederum ist die Basis für konzentrierte Leistung ohne übermäßige Nervosität.

Negativen Erfahrungen sehr viel Bedeutung beizumessen lähmt und bremst die Entwicklung von Sportlern, weil sie eine (oder mehrere) negative Erfahrung(en) als Gesetzmäßigkeit auf Gegenwart und Zukunft projizieren. Bedeutungsvoll ist der Einfluss negativer Erfahrungen dann vor allem nach Niederlagen, Verletzungen oder Versagen im Wettkampf. Zu allem Überfluss kommt hier auch die sich „selbst erfüllende Prophezeiung“ zum Tragen: Man erwartet negative Konsequenzen, verhält sich – oftmals unbewusst – dementsprechend (z. B. geringes Engagement aus Fehlern zu lernen oder nach Verletzungen wieder fit zu werden) und provoziert damit direkt das erwartete Ergebnis. Dieses wiederum verstärkt die ursprüngliche Sichtweise.

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Positive und negative Erfahrungen aus der Vergangenheit beeinflussen unser Verhalten uns unsere Entscheidungen.

Die Gewichtung vergangener positiver oder negativer Erfahrungen kann hier den Unterschied zwischen Hoffnungslosigkeit und erfolgreicher Rückkehr ausmachen. Trainer und Eltern haben eine immense Bedeutung dafür, wie gerade junge Sportler lernen, mit Misserfolg umzugehen. Diesen als Chance zum Lernen zu sehen, muss bei Kindern und Jugendlichen oft bewusst gefördert werden.

Schwerpunkt Gegenwart

In der Gegenwart zu leben, hat die wunderbare Auswirkung, Energie zu liefern, um sowohl Menschen und neue Plätze kennenzulernen als auch das Hier und Jetzt zu genießen. Ist die Gegenwart jedoch die einzige Priorität, mündet dies in hedonistisches oder schlimmer noch fatalistisches Verhalten.

Athleten, denen es gelingt die Gegenwart zu schätzen, sind offen für neue Trainingsmethoden, Menschen, Teams und Erfahrungen. Ein Übermaß an Gegenwartsfixierung sorgt jedoch für Hedonismus, also eine Bevorzugung von Bequemlichkeit und schneller Belohnung vor zukünftigem Erfolg. Diese Einstellung ist prinzipiell unvereinbar mit menschlicher und sportlicher Entwicklung: Konzentration und Beständigkeit im Training heute, sind die Basis für den Erfolg morgen, nächste Woche oder in einem halben Jahr. Liegt der Fokus auf Entspannung und Zerstreuung in der Gegenwart führt dies dazu, das “Brett an der dünnsten Stelle zu bohren”: Zu spät zum Training zu erscheinen, sich im Training zu schonen, zu viel zu feiern und viel Alkohol oder Fast Food zu konsumieren. Es ist relativ offensichtlich, dass diese Faktoren die langfristige sportliche Entwicklung limitieren werden.

Ein gewisses Maß an Opferbereitschaft ist für den Erfolg von Athleten unerlässlich: Aktuelle Wünsche und Bedürfnisse zugunsten dessen aufzuschieben, was nützlich für den späteren sportlichen Erfolg ist. Studien[5] haben sogar mehrfach gezeigt, dass Selbstdisziplin einen größeren Einfluss auf Erfolg hat, als Talent allein.

Der zweite Typ von Athleten, deren Schwerpunkt überwiegend auf der Gegenwart liegt, kann fatalistische Überzeugungen entwickeln. Fatalismus bedeutet, passiv zu sein, da man glaubt, das eigene Verhalten hätte keinen Einfluss auf zukünftige Entwicklungen und den eigenen Erfolg. Dies geht in der Regel mit der Überzeugung einher, dass die Zukunft bereits „geschrieben“ und unveränderbar ist (Schicksal). Dieser Glaube verhindert jede Bemühung etwas zu lernen, sich im Training anzustrengen, in soziale Beziehungen zu investieren oder ein eigenes Ziel anzustreben, denn die Zukunft steht ja sowieso schon fest. Diese Athleten sind beispielsweise überzeugt, dass sie niemals besser sein werden als der Teamkollege, der auf der angestrebten Position spielt oder, dass sie niemals in der ersten Elf spielen werden (Fußball), was natürlich auch heißt, dass man in diesem Fall dafür auch nicht arbeiten muss. Eine perfekte Entschuldigung fürs Nichtstun.

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Hedonistische und fatalistische Überzeugungen beeinflussen Entscheidungen in unterschiedlichem Ausmaß.

Ursprünge für diese Überzeugungen sind in der Kindheit zu suchen: Kinder, die niemals gelernt haben, dass sich Anstrengung und Beharrlichkeit in der Gegenwart später auszahlen werden, dass Erfolg nicht geschenkt, sondern erarbeitet wird, wachsen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu hedonistischen und fatalistischen Erwachsenen heran. (Meiner Meinung nach ein brennendes Problem für viele Kinder, die heute sehr behütet aufwachsen!)

Schwerpunkt Zukunft

Die Augen auf die Zukunft zu richten, kann Flügel verleihen, um zu neuen Zielen zu fliegen und Herausforderungen zu akzeptieren. Menschen mit einem Fokus auf der Zukunft haben oft eine gute Konzentration auf Ziele im Leben. Verschiebt sich dieser Fokus jedoch, wird der Schwerpunkt auf das Leben nach dem Tod gelegt (Transzendentale Perspektive).

Athleten mit einer soliden Orientierung auf ihre langfristigen Ziele sind für ihren Erfolg gut präpariert. Meistens fällt ihnen die Entscheidung zwischen schneller Belohnung und ihren langfristigen Zielen nicht schwer, denn sie haben eine starke Vision und Motivation. Wer schon häufiger im Winter im Dunkeln das kuschelige warme Bett verlassen hat, um seinen Lauf vor der Arbeit zu absolvieren oder Feiern absagen musste, um zum Wettkampf fit zu sein weiß, wovon ich spreche.

Nichtsdestotrotz brauchen auch diese Athleten langfristig eine Balance zwischen Training und Freizeit, wenn sie wirklich erfolgreich bleiben und werden möchten. Dauerhaft soziale Kontakte und jedes Vergnügen zu opfern, führt häufig dazu, dass Athleten ihre Laufbahn vorzeitig beenden.

Menschen, die dazu neigen, ihr aktuelles Leben und ihren physischen Körper zu vergessen, haben einen eher transzendentalen[6] Fokus. Diese Sichtweise mag häufiger bei sehr spirituellen und religiösen Menschen zu finden sein. In der sehr physischen Welt des professionellen Sports ist sie eher selten zu finden. Diese Menschen würden keine Freude aus der körperlichen Erfahrung in der Gegenwart ziehen können, wie sie in Training, Wettkampf oder Spiel gegeben ist. Im Grunde gäbe es für Menschen mit dieser Überzeugung keinen Grund für Anstrengung und Arbeit im Sport, da ihre Prioritäten komplett anders gesetzt sind.

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Die Orientierung auf die Zukunft kann sich auf das Diesseits (Zielorientierung) oder das Jenseits (Transzendenz) beziehen.

 

Die beste Gewichtung für den Erfolg

Wie bereits geschildert, hat jedes Zeitkonzept das Potential Stärken zu fördern, aber auch Nachteile im Gepäck, wenn die Schwerpunkte zu sehr auf einen der Erfahrungsbereiche gelegt werden. Aber es gibt eine besonders günstige Gewichtung der verschiedenen Zeitkonzepte für den Erfolg als Sportler, das sich auch auf den Job und andere Bereiche übertragen lässt.

Die folgende Abbildung stellt die verschiedenen Bereiche und deren Gewichtung noch einmal grafisch dar. Alle genannten Aspekte haben einem mehr oder weniger großen Einfluss auf unsere Überzeugungen und unser Verhalten. Aspekte der gleichen Zeitspanne z. B. Zukunft,  wurden der gleichen Farbgruppe zugeordnet.

Zeitkonzepte_optimale Gewichtung_Zimbardo
Optimale Gewichtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für eine erfolgreiche Entwicklung im professionellen Sport. (nach Zimbardo)
  • Ein großer Fokus auf positive Ereignisse und Erlebnisse aus der Vergangenheit  bietet eine stabile Verwurzlung und ist die Basis für Selbstvertrauen. Negative Erlebnisse sollten nur eine kleinere Rolle spielen, sind aber Voraussetzung, um Fehler nicht zu wiederholen.
  • Eine moderate Bedeutung von Hedonismus in der Gegenwart mit einem sehr kleinen Anteil an Fatalismus erlaubt es, den Moment zu genießen und neuen Situationen offen und mit Energie zu begegnen.
  • Ein moderater bis großer Schwerpunkt auf der Zukunft, auf langfristigen Zielen im Leben gibt Anstrengung und Arbeit eine Richtung und einen Sinn und bietet sowohl Rahmen als auch ein Ziel für Entwicklung.

Als Trainer und Elternteil kann ihnen dieser Artikel hoffentlich helfen, Schwerpunkte, Lob, Motivation und Zielsetzungen entsprechend zu gewichten. Dazu gehört es, Athleten die Erfahrung zu ermöglichen, dass Anstrengung und Beharrlichkeit mit langfristigem Erfolg belohnt werden, Bemühung und auch kleine Schritte in die richtige Richtung zu loben, Visionen und Ziele für die Zukunft zu fördern und auch zu vermitteln, dass Fehler oder Versagen unschöne aber hilfreiche Erfahrungen sind, die helfen, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Als Athlet bietet es sich an, professionelle Unterstützung eines Mentaltrainers oder Coaches in Anspruch zu nehmen, wenn Fehler oder negative Erfahrungen aus der Vergangenheit einen positiven Blick in die Zukunft und Selbstvertrauen erschweren. Eine kontinuierliche Arbeit an Denkgewohnheiten, Sichtweisen und Überzeugungen liefert eine wichtige Unterstützung im Entwicklungsprozess. Kleine Korrekturen kann man oftmals selbst erreichen, indem man seinen Blick auf positive Erfahrungen, bisher Erreichtes und zukünftige Ziele legt! Mehr dazu gibt es auch hier.

Quellen: 

[1] Homepage Philip G. Zimbardo: http://www.zimbardo.com/

[2] Boyd, J. & Zimbardo, P. (2010): The Time Paradox. Using the New Psychology of Time To Your Advantage. Rider (Kinde Ausgabe ebenfalls verfügbar)

[3] Homepage zum Buchtitel: The Time Paradox. Verfügbar unter: http://www.thetimeparadox.com/

[4] Eine kurze Einführung von Philip Zimbardo zum Thema (in English mit englischen Untertiteln): “The Psychology of Time” (6:34 min)

[5] https://www.psychologytoday.com/blog/the-procrastination-equation/201110/hard-work-beats-talent-only-if-talent-doesn-t-work-hard: “Even if you weren’t born with genius in your genes, you can outperform the smartest of individuals as long as you work hard and the latter doesn’t.”

[6] Die Grenzen der Erfahrung und der sinnlich erkennbaren Welt überschreitend, übersinnlich, übernatürlich (Duden)

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