Mit großem Erstaunen (abwechselnd mit Entsetzen) habe ich die aktuelle Pressemitteilung der AOK NordWest vom 11.02.2025 zum Thema Hormontherapie (HRT) gelesen [1]. Diese enthält zahlreiche Aussagen, die wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind und Frauen erneut verunsichern.
Als Gesundheitscoach, Hormonexpertin und Autorin sehe ich es als meine Verantwortung, einige zentrale Punkte aus aktueller Sicht richtigzustellen und mit aktuellen Studien zu belegen:
Veraltete Studienlage
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Nachdem aber die Risiken einer Hormonersatztherapie in wissenschaftlichen Studien immer wieder belegt wurden, kam es zu einem deutlichen Rückgang der Verordnungen.“
Gegendarstellung: Die Aussagen der AOK basieren größtenteils auf der WHI-Studie von 2002 [2]. Diese Studie ist inzwischen 23 Jahre alt und wurde seither in vielen wesentlichen Punkten widerlegt. Die damals verwendeten Präparate (Hormone aus dem Urin trächtiger Stuten und synthetisches Gestagen) sind nicht mit den heute eingesetzten bioidentischen Hormonen vergleichbar. Die Teilnehmerinnen der Studie waren zudem überwiegend ältere, übergewichtige Raucherinnen – Risikofaktoren, die die Studienergebnisse stark verzerrten.

Applikationsform entscheidend für das Risiko
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Hormonpräparate können auf der einen Seite das Risiko für Brustkrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt und Thrombosen erhöhen.“
Gegendarstellung: Studien zeigen klar, dass das Risiko für Schlaganfälle und Thrombosen vor allem bei oraler Einnahme von Östrogen besteht. Transdermale Präparate (Östrogen über die Haut) bieten dagegen eine sichere und effektive Alternative ohne das erhöhte Risiko für diese Komplikationen. Eine Nutzung von transdermalem Östrogen (ohne Progesteron, nur für Frauen ohne Gebärmutter) senkt sogar das Brustkrebsrisiko [3]. Eine zusätzliche Einnahme von Progesteron ist – längere Studien fehlen bisher – bis zu einer Dauer von 5 Jahren ebenfalls nicht mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs verbunden [3]. Die Risiken für Osteoporose, Herzerkrankungen, Diabetes und Demenz für Frauen ohne Hormontherapie, dürfen an dieser Stelle nicht ignoriert werden.

Therapiedauer ohne starre Begrenzung
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Wenn sich eine Frau für eine Hormonersatztherapie entscheidet, sollte sie die Hormone über ein paar Monate einnehmen – nicht über Jahre. Spätestens wenn das Alter erreicht ist, in dem die Wechseljahre normalerweise zu Ende sein sollten, sollte überprüft werden, ob die Beschwerden nach dem Absetzen der Präparate überhaupt noch bestehen.“
Gegendarstellung: Entgegen der Behauptung, die Hormontherapie solle nur über wenige Monate angewendet werden, sehen die aktuellen Richtlinien der North American Menopause Society (NAMS) [4] keine zeitliche Begrenzung vor. Solange die Frau von der Therapie profitiert und keine Kontraindikationen bestehen, gibt es keinen Grund, die Behandlung abzubrechen.
Quelle: North American Menopause Society. The 2022 Hormone Therapy Position Statement of The North American Menopause Society.

Neue Perspektiven für ältere Frauen
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Früher nahmen sehr viele Frauen während und nach ihren Wechseljahren zum Teil über Jahre hinweg Hormone. […] Wissenschaftliche Studien hatten dann jedoch zunehmend mögliche Risiken und Nebenwirkungen einer Hormonersatztherapie aufgezeigt.“
Gegendarstellung: Auch ältere Frauen können von der Einnahme bioidentischer Hormone profitieren. Neue Studien zeigen positive Effekte auf Knochengesundheit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und möglicherweise auch die Prävention von Demenz [3]. Eine aktuelle Publikation im Lancet empfiehlt sogar, das so genannte „Goldene Fenster“ (Hormontherapie wird in der Regel nur bis zu 10 Jahren nach der Menopause verschrieben) zu überdenken [5].

Langfristige Vorteile: Prävention ernst nehmen
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern ein ganz normaler Prozess im Leben jeder Frau, bei dem sich das Zusammenspiel der Hormone verändert.“
Gegendarstellung: Die Einnahme bioidentischer Hormone kann das Risiko für Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und möglicherweise auch Demenz deutlich reduzieren. Das Sterberisiko („all cause mortality“) sinkt, wie zahlreiche Studien belegen [6]. Eine anschauliche Übersicht zu Nutzen und Risiken bietet folgende Übersicht [3].
Understanding the Benefits and Risks of HRT

Ganzheitliche Prävention
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Eine Änderung des Lebensstils kann die Begleiterscheinungen in den Wechseljahren abschwächen. Sport und Bewegung allgemein tragen dazu bei, dass Frauen sich trotz der Wechseljahresbeschwerden insgesamt wohler fühlen.“
Gegendarstellung: Wechseljahre sind keine Krankheit, aber sie gehen mit einem erhöhten Risiko für zahlreiche Erkrankungen einher. Ein gesunder Lebensstil – regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Stressmanagement – ist essenziell. Für viele Frauen gehört die bioidentische Hormontherapie zu einer umfassenden Präventionsstrategie. Der alleinige Fokus auf Lebensstiländerungen ignoriert wissenschaftlich belegte Vorteile der HRT.

Männergeprägte Sichtweise
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Die im sogenannten Klimakterium auftretenden Beschwerden sind bei vielen Frauen nicht so stark, dass eine Behandlung erfolgen muss.“
Gegendarstellung: Die Sichtweise, dass Frauen Beschwerden „aushalten“ sollten, ist eindeutig das Ergebnis einer männergeprägten Medizin. Gäbe es vergleichbare Beschwerden und Risiken für Männer, würde dieser Narrativ mit Sicherheit nicht existieren. Das Risiko für Depressionen, Osteoporose und andere Erkrankungen steigt bei Frauen drastisch an – solche Beschwerden sollten nicht verharmlost werden (schon gar nicht von einer Krankenkasse).
Die Realität der Beschwerden in der Postmenopause
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Bei der Hormonersatztherapie […] wurden Hormone für manche Frauen zu einem Lifestyle-Medikament, das teilweise weit über das natürliche Ende der Wechseljahre hinaus angewendet wurde.“
Gegendarstellung: Hier wird suggeriert, dass es nach der Menopause keine Beschwerden mehr gibt und eine längere Anwendung der Hormontherapie daher unnötig wäre. Das ist falsch. Sowohl die Wechseljahre (7–15 Jahre vor der Menopause, die statistisch um das 51. bis 52. Lebensjahr eintritt) als auch die Postmenopause können mit starken und belastenden Symptomen einhergehen. Viele Frauen leiden noch Jahre nach der Menopause unter Beschwerden wie Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Stimmungsschwankungen und kognitiven Einbußen. Eine angemessene Therapie – auch über das natürliche Ende der Wechseljahre hinaus – kann hier eine entscheidende Verbesserung der Lebensqualität bringen (nicht zu vergessen die Reduktion der Krankheitsrisiken).
Kosten-Nutzen-Abwägung – auch im Sinne der Krankenkassen
Zitat aus der AOK-Pressemitteilung: „Neben der Hormontherapie sollten auch Alternativen berücksichtigt werden, um die Symptome zu lindern.“
Gegendarstellung: Natürlich sollte Hormontherapie nicht als einziges Mittel in Betracht gezogen werden, um eine gesunde zweite Lebenshälfte zu erleben. Zahlreiche verschiedene Therapien zur Stressreduktion, Optimierung des Schlafes, Yoga und gezielte Nährstoffe sind enorm hilfreich. Darüber hinaus wäre es lohnenswert, langfristig zu berechnen, welche Kosten für das Gesundheitssystem eingespart werden könnten, wenn weniger Frauen an Osteoporose und deren Folgen leiden, weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle auftreten und Frauen insgesamt länger gesund und aktiv bleiben.

Zusammengefasst
Die Pressemitteilung der AOK basiert auf veralteten Informationen und ignoriert aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Frauen verdienen es, gut informiert zu sein und Zugang zu allen Möglichkeiten zu haben, ihre Gesundheit aktiv zu gestalten – dazu gehört für viele auch die Hormontherapie.
Mit sportlichen Grüßen
Dr. Magdalena Schauenberg
Gesundheitscoach, Hormonexpertin und Autorin
Ressourcen & Quellen:
- [1] AOK Pressemitteilung vom 11.2.2025: Deutlicher Anstieg bei Verordnungen von Hormonpräparaten in Westfalen-Lippe. AOK rät: Nutzen und Risiko einer Hormonersatztherapie gegeneinander abwiegen. verfübar unter: https://www.aok.de/pp/nordwest/pm/verordnungen-von-hormonpraeparaten-in-westfalen-lippe-2025/
- [2] WHI Studie: Writing Group for the Women’s Health Initiative Investigators (2002): Risks and Benefits of Estrogen Plus Progestin in Healthy Postmenopausal Women: Principal Results From the Women’s Health Initiative Randomized Controlled Trial. JAMA. 288, (3): 321–333, verfügbar unter: https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/195120
- [3] Balance by Newson Health (2024): Understanding the benefits and risks of HRT: downloadable visual aids.
- [4] North American Menopause Society. The 2022 Hormone Therapy Position Statement of The North American Menopause Society.
- [5] Sasha Taylor & Susan R. Davis (2025): Is it time to revisit the recommendations for initiation of menopausal hormone therapy?, In The Lancet Diabetes & Endocrinology 2025; 13: 69–74
- [6] Morin, J.; Rolland, Y.; Bischoff-Ferrari, H.A. et al. (2024): Association between prescription drugs and all-cause mortality risk in the UK population. 10.1101/2024.03.08.24303967.