Kalorien zählen – hilfreich oder irreführend?

Kalorien zählen - hilfreich oder irreführend?

Kalorien zählen ist weit verbreitet. Viele – vor allem Frauen – zählen seit Jahren oder Jahrzehnten die Kalorien von allem, was sie essen oder trinken. Bei manchen Menschen scheint es zu helfen, dass sie einige Kilos abnehmen, bei anderen klappt es gar nicht. Was sind die Vorteile und Nachteile davon, Kalorien zu zählen und was hat es mit der Anfrage einer Zeitschrift als Ernährungsexpertin an mich auf sich.

Kalorien zählen und der „Expertenkasten“

Vor wenigen Tagen bekam ich eine Anfrage einer Frauenzeitschrift, ob ich mit einigen „Expertenaussagen“ die Geschichte einer Frau unterstützen würde, die durch Kalorien zählen abgenommen hatte. Im Kasten sollten dann Vorschläge stehen, wie man am besten Kalorien einsparen kann, quasi als Empfehlung von der Fachfrau.

Ein Artikel zum Kalorienzählen in einer Frauenzeitschrift.
Photo Credit: Anja🤗#helpinghands #solidarity#stays healthy🙏 auf Pixabay

 

 

 

 

Ich versuchte, der recherchierenden Journalistin am Telefon meine Sichtweise des Themas zu verdeutlichen. Wer häufiger auf meiner Seite unterwegs ist, kann sich vielleicht denken, in welche Richtung das ging. Aber dazu am Ende des Artikels mehr. Ich möchte diese Anfrage jedoch als Aufhänger nehmen, um Vorteile- und Nachteile des Kalorienzählens noch einmal „aufzudröseln“.

Was sind Kalorien?

Wir gehen davon aus, dass bestimmte Lebensmittel über eine bestimmte Anzahl an Kalorien verfügen, die eine Einheit für die Energie sind, die sie uns liefern. Es gibt auch Tabellen oder Messungen mit Angaben, welchen Kalorienverbrauch wir, basierend auf Alter, Geschlecht und Gewicht in etwa haben könnten. Da erscheint es nur logisch, unseren Verbrauch an Energie mit dem abzugleichen, was unsere Nahrung liefert. Wenn wir weniger essen, müssten wir eigentlich abnehmen, wenn wir zu viel essen, nehmen wir zu. Soweit die Theorie, die wir praktisch überall dort lesen können, wo es um Tipps fürs Abnehmen geht.

Kalorien sind die Energie in unserer Nahrung
Photo Credit: Jerzy Górecki auf Pixabay

 

 

 

 

 

Welche Vorteile kann es haben, wenn wir alle Kalorien notieren, die wir essen oder trinken?

Vorteile des Kalorien zählens

Ein Vorteil dieser Methode kann es sicherlich sein, dass wir uns mit unserer Ernährung beschäftigen. Wir überlegen, was wir essen, schauen, was enthalten ist und setzen uns so mit dem Thema überhaupt erst einmal auseinander. Vielleicht verkneifen wir uns auch die eine oder andere Kalorienbombe oder das dritte Glas Wein, weil wir wissen, wie viele Kalorien das liefert.

Wein hat viele Kalorien
Photo Credit: congerdesign auf Pixabay

 

 

 

 

Vielleicht regt das Kalorienzählen auch dazu an, einmal zu vergleichen, wie lange wir eigentlich Joggen oder noch länger Spazierengehen müssten, um so eine Pizza „abzuarbeiten“, die ja recht schnell gegessen ist. Wenn man daraufhin beschließt, sich mehr zu bewegen und seltener Pizza zu essen, kann das schon eine positive Konsequenz dieser Strategie sein. Damit hören die Vorteile aber meiner Meinung schon auf. Die Nachteile liegen fast schon auf der Hand.

Nachteile des Kalorienzählens

Kalorien sind kein gutes Kriterium

Kalorien als Entscheidungskriterium führen zu kurzsichtigen und auch falschen Entscheidungen. Ein Lebensmittel mit vielen Kalorien ist noch lange kein schlechtes Lebensmittel, häufig trifft sogar genau das Gegenteil zu. Schauen wir uns eine Avocado an, die hat vielleicht sogar mehr Kalorien als eine Portion Pommes. Sollten wir deswegen lieber Pommes essen als Avocado? Das wäre ein falscher und leider auch weit verbreiteter Trugschluss.

Pommes sind praktisch nährstofffrei, reich am Karzinogen Acrylamid, liefern Kohlenhydrate, die wie Zucker im Körper wirken und sind in der Regel in hochverarbeitetem Pflanzenfett frittiert, das Entzüngungen im Körper fördert. Die Avocado hingegen ist randvoll mit guten einfach ungesättigten Fettsäuren, liefern Vitamin K, Ballaststoffe und untersützt damit zahlreiche Funktionen im Körper optimal und sättigt auch noch hervorragend.

Wenn wir uns aber danach entscheiden, was weniger Kalorien hat, ziehen wir die entzündungs- und heißhungerfördernden Pommes der nährstoffreichen Avocado vor. Eine Fehlentscheidung.

Avocados haben viele Kalorien und Nährstoffe.
Photo Credit: tookapic auf Pixabay

 

 

 

 

Eine Cola light hingegen, hat auf dem Papier sogar Null Kalorien, ist aber keineswegs so unschuldig, wie man glaubt. Die Ansicht ist weit verbreitet, dass wenn man ein kalorienfreies Lebensmittel isst oder trinkt, es keine Wirkung auf unseren Körper hat. Leider trifft das nicht zu.

Nahrung hat IMMER einWirkung auf unseren Körper, eine positive oder eine negative. Dieses Getränk mit so allerlei Farb-, Aroma- und Säuerungszusätzen schädigt unsere guten Darmbakterien durch den enthaltenen Süßstoff und kann damit unser Immunsystem, die Stimmung, Schmerzen, Entzündungen und die Bildung von Neurotransmittern negativ beeinflussen. Auch die anderen Zusätze sind keineswegs harmlos.

Die falsche Währung

Das Kalorienkonzept berücksichtigt nicht, dass die Qualität unserer Nahrung, weit wichtiger ist als der Kaloriengehalt. Denn echte, naturbelassene Nahrungsmittel senden gesundheitsfördernde Botschaften an unseren Körper und unsere Gene. Während hochverarbeitete, nährstoffarme, essbare Substanzen, die mit zahlreichen Zusatzstoffen versetzt sind, krankheitsfördernde Informationen senden [1]. Richtig gelesen, unsere Nahrung (und andere Aspekte unseres Lebensstils), liefert unserem Körper Instruktionen, wie er funktieren soll („Epigenetik“).

Kalorien in hochverarbeiteten Lebensmitteln sind die falsche Währung.
Photo Credit: Free-Photos auf Pixabay

 

 

 

 

Egal, ob sie nun viele oder wenige Kalorien haben, sind viele Inhaltsstoffe in hochverarbeiteter Nahrung fremd für unseren Organismus und damit praktisch die falsche Währung, um optimales Funktionieren unseres Körpers zu unterstützen. Unser Körper braucht zahlreiche verschiedene Vitamine, Mineralstoffe, Antioxidantien und Pflanzennährstoffe und hochwertige Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate in ihrer natürlichsten Form, um die richtige Wirkung, nämlich Gesundheit zu erzielen.

Mit weißem Mehl, Zucker, raffiniertem Öl, einem Deko-Salatblatt, Bier und Protein aus Massentierhaltung ist es definitiv nicht getan. Wir erzielen eine komplett andere Wirkung, die langfristig für ein hohes Risiko sorgt, chronisch krank und übergewichtig zu werden.

Gleichzeitig wiegt das „Kalorienkonzept“ uns in falscher Sicherheit, denn man könnte ja mit 3 Tafeln Schokolade am Tag, immer noch das Kalorienlimit unterbieten. Ist das wirklich eine gute Entscheidung? Ich denke, du weißt die Antwort inzwischen.

Wie kann ich dann am besten abnehmen?

Lerne, was du isst

Was wir vom Ansatz „Kalorien zählen“ sicherlich lernen können ist, dass wir uns mit dem, was mehrfach täglich auf unserem Teller landet, auseinandersetzen sollten. Wenn wir nur einfach das essen, was in Fast-Food Buden und im Supermarkt angeboten wird, gehen wir zu oft der Werbung auf den Leim. Denn dann setzen wir unsere Priorität falsch und wählen, was schnell gegessen werden kann und unserem erlernten (!) Geschmack enspricht (süß, fettig, salzig). Dieser Geschmack ist durch jahrelangen Konsum hochverarbeiteter Nahrungsmittel „verformt“. Wer den Apfelgeschmack nur von aromatisierten Süßigkeiten kennt (nur als ein Beispiel), wird einen echten Apfel langweilig finden.

Künstliche Nahrung verformt unseren Geschmackssinn.
Photo Credit: Ulrike Leone auf Pixabay

 

 

 

 

Was wir besser machen können ist, uns nicht von Kalorien blenden zu lassen, sondern die Qualität der Nahrung als Auswahlkriterium zu nehmen. Echte, möglichst wenig verarbeitete Nahrung ist die einzig richtige Währung für unseren Körper. Oder würdest du wissentlich Diesel für deinen neuen und teuren Benziner tanken?

Die besten Tipps zum Abnehmen und besser essen

Abnehmen selbst kann simpel sein, ist aber nicht immer einfach. Zentral ist es herauszufinden, welche Gewohnheiten und Gedankengänge sich bei uns eingeschlichen haben. Ich liste dazu jeweils die Artikel auf meiner Seite, die es bereits zu den einzelnen Themen gibt, so dass du einfach zum Artikel springen kannst, der für dich momentan passend erscheint (der Link öffnet ein neues Fenster).

  1. Essen als Ersatz: Essen wir, obwohl wir eigentlich keinen Hunger haben, sondern müde, traurig, verärgert oder gestresst sind, löst das zugrundeliegende Problem nicht und sorgt dafür, dass wir uns noch schlechter fühlen und zunehmen.
  2. Echte Nahrung für den einzigen Körper den wir haben, reduziert Entzündungen, chronische Erkrankungen und in der Konsequenz, nehmen wir ab
  3. Überwiegend pflanzenbasierte Nahrung hat in zahlreichen Studien gezeigt, der Schlüssel für Langlebigkeit und Gesundheit zu sein.
  4. Achtsamkeit in der Auswahl unserer Nahrung und auch für den Umgang mit unseren Bedürfnissen, Heißhunger und der Mahlzeit selbst ist eine wichtige Strategie.
  5. Stress reduzieren – chronischer Stress ist der Faktor Nummer 1, der unser Essverhalten, Heißhunger, Schlaf und die gesamte Hormonlage in Richtung Gewichtszunahme programmiert.
  6. Schlaf zu einer Priorität ernennen. Wenn wir schlafen ist das die einzige Zeit des Tages, in der wir regenerieren. Wie gut wir das tun, hängt eng mit Gewichtszunahme, Fettverbrennung und Gesundheit zusammen.
  7. Den Umgang mit unserer Emotionen und Gefühlen zu lernen, kann der Schlüssel für ein achtsameres Essverhalten und wohltuende Selbstfürsorge sein.
  8. Abstand zu unseren eigenen Gedanken, die oft negativ sind, kann uns massiv Erleichterung verschaffen und uns in einer Art und Weise befreien, dass wir nicht essen müssen, um diese Gedanken ausblenden zu können.

Jede Diät schadet unserem Selbstbild

Wir du inzwischen vielleicht bemerkt hast, hat das Kalorien zählen meiner Ansicht nach weitaus mehr Nachteile als Vorteile. Ich kenne so viele Frauen, die Jahre oder Jahrzehnte leiden, weil sie nie der Anforderung an sich selbst (oder der Gesellschaft) gerecht werden können, genug abzunehmen. Sie probieren eine Diät nach der anderen und sammeln mit jedem empfundenen Scheitern einen neuen Beweis dafür, wie „unfähig“ und „willensschwach“ sie eigentlich sind.

Diäten beschädigen unser Selbstbild
Photo Credit: Jasmin Sessler auf Pixabay

 

 

 

 

Was macht das mit unserem Bild, das wir von uns selbst haben? Wie können wir unsere Träume und Ziele verfolgen und unser Leben genießen, wenn wir glauben, nicht einmal willensstark genug zu sein, so ein paar Kalorien zu sparen und abzunehmen? Wie viele Gelegenheiten des Frustessens würde es nicht geben, wenn Kalorien zählen nicht mehr als DIE Strategie propagiert werden würde, endlich erfolgreich abzunehmen?

Und was ist mit der Anfrage der Zeitschrift passiert?

Ich habe diese Anfrage abgelehnt. Mit dem, was ich zum Thema Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und Abnehem weiß, ist eine Unterstützung des Kalorien zählens nichts, was ich unterstützen sollte. Dennoch habe ich der Journalistin vorgeschlagen, sich wieder zu melden, wenn sie einmal etwas schreiben möchte, das Gesundheit und Selbstachtung einschließt, auch wenn es vielleicht um das Thema Abnehmen geht. Bisher hat sie sich noch nicht wieder gemeldet. 😉


Mehr zum Thema Abnehmen auf meiner Seite:


Zum Weiterlesen:

[1] Jeffrey S. Bland (2015): The Disease Delusion: Conquering the Causes of Chronic Illness for a Healthier, Longer, and Happier Life. (Ein wunderbares Buch, leider nicht in Deutsch erhältlich)

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